Welche Moral haben und brauchen intelligente Maschinen?

Manchmal sind es vor allem die Fragen und weniger die Antworten, die deutlich machen, dass sich die Welt verändert. Das gilt zum Beispiel für Fragen, welche moralischen Folgen sich ergeben, wenn Maschinen und Computer intelligenter werden. Eine Gruppe von ETH-Studierenden hat sich dieser Thematik angenommen.

Vergr?sserte Ansicht: Lisa Schurrer und Naveen Shamsudhin engagieren sich im Studierendenprojekt «Robotik und Philosophie». (Collage: Florian Meyer, Josef Kuster / ETH Zürich)
Lisa Schurrer und Naveen Shamsudhin engagieren sich im Studierendenprojekt ?Robotik und Philosophie?. (Collage: Florian Meyer, Josef Kuster / ETH Zürich)

Eigentlich ist klar: Roboter sind Maschinen und keine Menschen. Gebaut werden sie unter anderem, um den Menschen von rein mechanischer oder repetitiver Arbeit zu entlasten. Ihre Intelligenz ist nicht natürlich, sondern von Computerprogrammen gesteuert.

Infolge der Fortschritte der künstlichen Intelligenz, des maschinellen Lernens und der selbstlernenden Algorithmen erweitern sich aber die Einsatzm?glichkeiten für Maschinen. In der Industrie oder auch in Forschungslabors der ETH Zürich werden heute intelligente Roboter entwickelt und im Transport-, Gesundheits- und Produktionsbereich eingesetzt. Zudem sind bereits Angebote für Sicherheits-, Pflege- oder Dienstroboter auf dem Markt (vgl. ?externe Seite10vor10? vom 21. M?rz 2017). Hinzu kommen weniger offensichtliche Anwendungen künstlicher Intelligenz wie zum Beispiel solche für Finanzwesen und Handel, soziale Netzwerke und digitale Werbung.

Verschiedene Institute, Laboratorien und Spin-offs der ETH Zürich wirken an der Entwicklung von selbst?ndigen Robotern mit und machen aus Zürich laut der NZZ eine ?externe SeiteHauptstadt der Roboter?.

Wie gut entscheidet eine Maschine?

Auch wenn derzeit intelligente Maschinen den Menschen im Denken nicht überflügeln k?nnen und vor allem Routineaufgaben übernehmen, so l?st ihr Aufkommen doch Fragen aus. Wenn künstliche Maschinen ?lernen? und ?entscheiden?, was passiert dann, wenn ihre Handlungen und Entscheidungen nach menschlichem Ermessen nicht ?gut? sind? Wer ist dann für sie verantwortlich? Wer haftet, wenn sie Schaden anrichten?

Augenf?llig werden solche moralischen und juristischen Fragen bei selbststeuernden Fahrzeugen und bei Kriegsrobotern (vgl. externe SeiteTages-Anzeiger vom 20. M?rz 2017). Wer entscheidet, ob ein intelligentes Waffensystem schiesst oder nicht? Unterscheidet ein Waffensystem zwischen einer Kampfsituation und einer Gefechtspause, zwischen fremden Soldaten und Zivilisten? Wie entscheidet ein selbststeuerndes Auto, wenn pl?tzlich ein Kind auf die Strasse springt, ausweichen aber eine gr?ssere Gruppe von Menschen gef?hrdet? Noch gibt es keine vollst?ndig autonomen Waffen und Autos, wohl aber weitere Fragen: Wer etwa ist für Fehler in grossen Organisationen verantwortlich oder in komplexen Netzwerken, in denen Menschen und Maschinen am Werk sind?

Immer ein Mensch, sagen die einen. Man muss für solche F?lle einen zus?tzlichen Rechtsstatus für ?digitale Personen? einrichten, sagen andere. Muss man überhaupt gesetzgeberisch handeln oder besser steuerpolitisch? Zum Beispiel die Wertsch?pfung besteuern, die Roboter erzeugen, zumal dann, wenn Menschen ihretwegen Arbeit verlieren?

Das sind Fragen, die bis vor kurzem der Science Fiction vorbehalten schienen. Zuletzt haben jedoch renommierte Zeitschriften wie ?externe SeiteNature?, ?externe SeiteThe Economist?, ?externe SeiteFortune? oder ?externe Seiteheise online? die Fragen, wie moralisch Maschinen sein müssen, oder welche Ethik für künstliche Intelligenz n?tig ist, prominent zum Thema gemacht. Auch politisch gewinnen sie an Bedeutung wie zum Beispiel parlamentarische Vorst?sse in der Schweiz und externe Seitein Europa zeigen, wobei die europ?ische externe SeiteResolution sowohl rechtliche Regelungen für die Robotik umfasst als auch einen ethischen Verhaltenskodex für Robotik-Ingenieure.

Robotik – ein Thema der Ethik

Auch die ETH Zürich kennt – zum Beispiel in der Ausbildung – Formate, in denen die wissenschaftliche T?tigkeit reflektiert wird: zum Beispiel die ?Critical Thinking?-Initiative und die ?Cortona Woche? oder auch der Masterstudiengang ?Geschichte und Philosophie des Wissens?. In diesem Umfeld haben sich ETH-Studierende und Doktorierende aus Geistes-, Ingenieur- und Computerwissenschaften zusammengeschlossen und das Projekt ?externe SeiteRobotik und Philosophie? ins Leben gerufen. Im Februar haben sie einen Workshop organisiert, der sich mit den moralischen Auswirkungen von intelligenten Maschinen und Robotern befasst hat. Eingeladen waren Kennerinnen der Ethik der künstlichen Intelligenz wie die Kognitionswissenschaftlerin und ?externe SeiteRoboterversteherin? Joanna Bryson, der Technikphilosoph Peter Asaro und die ETH-Ideenhistorikerin Vanessa Rampton. Zu dieser Roboterethik-Gruppe geh?ren Lisa Schurrer und Naveen Shamsudhin.

Den Blick erweitern

Naveen Shamsudhin hat eben sein Doktorstudium am Multi-Scale Robotics Lab abgeschlossen. Seine Doktorarbeit befasst sich mit mikrorobotergesteuerten Instrumenten, mit denen sich die Mechanik des Pflanzenwachstums erforschen l?sst. 2009 kam er als Bundesstipendiat (ESKAS) an die ETH Zürich und absolvierte hier ein Masterstudium in Mikro- und Nanosystemen am Automatic Control Laboratory.

?Technologieentwicklung ist eine Herausforderung, und als Entwickler identifizieren wir uns sehr stark mit unserem Werk?, sagt Shamsudhin, ?aber manchmal, oder meiner Meinung nach beunruhigend oft, geht leicht die umfassendere Perspektive verloren und man reflektiert nicht genug, wozu und für wen die Technologie entwickelt wird.? Die Verbreitung neuer Technologien in der Gesellschaft k?nne zwar einige ihrer Probleme l?sen, aber auch neue verursachen oder zu neuen Ungleichheiten führen, sagt er. Sich an transdisziplin?ren Projekte zu beteiligen, sei deshalb sehr wichtig, um den fachlichen Blickwinkel auszuweiten.

Den Austausch mit den Ingenieuren und Informatikern sch?tzt auch Lisa Schurrer, Studentin des Masters in ?Geschichte und Philosophie des Wissens?. ?Für Philosophen ist das Gespr?ch mit Ingenieuren ein Realit?ts-Check, wie realistisch gewisse theoretische Annahmen sind und was sich technisch überhaupt umsetzen l?sst.? Wichtig findet sie, dass die ethische Reflexion nicht erst am Ende eines Entwicklungsprozesses stattfindet, sondern bereits am Anfang in der Entwurfsphase.

Ganz einfach wird die ?bersetzung ethischer Grunds?tze in die Programmiersprachen nicht: Schliesslich beherrschen lernende Roboter vor allem Routine-Situationen. Ethisches Verhalten ist aber mehr als simples Regelbefolgen. Menschen haben auch eine Art moralisches Gefühl dafür, was sie in einer bestimmten, allenfalls auch ungewohnten Situation tun sollen und was nicht. Ob Roboter und Computer je ein vergleichbar situatives, moralisches Gespür entwickeln werden, ist eine sehr offene und ebenfalls ethisch diskutable Frage – denn auch ?mitfühlende? Roboter würden Daten sammeln, die die Privatsph?re verletzen k?nnten.

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Peter Asaro spricht über ?Robot Ethics as a Design Problem?. (Video: roboethics.ch)

externe SeiteHier gibt es weitere Videos vom Roboterethik-Workshop.

?Wird die Schweiz arbeitslos??

Nehmen uns Roboter bald alle Jobs weg oder werden wir flexibler, vernetzter und vielleicht kürzer arbeiten? Darüber diskutieren am Donnerstag, 30. M?rz 2017, 19:30 Uhr an einer Podiumsveranstaltung der Reihe ?Treffpunkt Science City? im Audimax des ETH-Hauptgeb?udes:
 

  • Rolf Sonderegger, CEO Kistler Gruppe, Weltmarktführer in dynamischer Messtechnik
  • Vania Alleva, Pr?sidentin der gr?ssten Schweizer Gewerkschaft Unia
  • Detlef Günther, ETH-Vizepr?sident Forschung und Wirtschaftsbeziehungen
  • Georges T. Roos, Zukunftsforscher und Verfasser zahlreicher Studien
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