Schiefe Wahrnehmungen in der Klimapolitik

Die Nutzen einer strikten Klimapolitik werden in der ?ffentlichen Debatte oft untersch?tzt, w?hrend die Kosten generell übersch?tzt werden, sagt Lucas Bretschger. Klimaschutz wirkt sich nicht nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.

Lucas Bretschger

Klimapolitik wird die Strukturen unserer Volkwirtschaften nachhaltig ver?ndern. Fossilintensive Firmen und Haushalte werden sich anpassen müssen, was gewisse Kosten verursacht. In der ?ffentlichen Debatte dominiert hartn?ckig die Ansicht, dass konsequente Klimapolitik ?sehr teuer? sei. Diese Einsch?tzung ist jedoch verzerrt.

Wie ich in einem aktuellen Beitrag im Fachmagazin Ecological Economics ausführe, werden die Kosten gemeinhin übersch?tzt.1 Eine zu enge Sicht auf das Kostenargument wird der Thematik ohnehin nicht gerecht. Solches Denken ignoriert die vielseitigen wirtschaftlichen Nutzen klimapolitischer Massnahmen und baut implizit auf irreführenden Annahmen auf, die fundamentale ?konomische Zusammenh?nge verkennen.

Vernachl?ssigter Nutzen

Eine Bewertung der Klimapolitik sollte nicht nur die Kosten betrachten, sondern auch die Nutzen und Gewinne berücksichtigen, die bei der Bereitstellung und Anwendung neuer Energien und Technologien entstehen. Dazu geh?ren auch Lerneffekte auf neuen M?rkten, die den Firmen wichtige Vorteile im internationalen Wettbewerb verleihen. Quantitativ bedeutend sind auch die Zusatznutzen in Form von positiven Gesundheitseffekten dank einer verbesserten Luftqualit?t. Weiter verringert Klimapolitik das Risiko von Abschreibungen auf fossile Investitionen im Zuge der Dekarbonisierung.

Beachtenswert ist zudem, dass die Politik dem individuellen Kostenempfinden Rechnung tragen kann: Werden Einnahmen aus der Umweltpolitik an die Bev?lkerung zurückverteilt, entstehen volkswirtschaftlich praktisch keine Kosten; fliessen Gelder in umweltrelevante Projekte, handelt es sich um nützliche Investitionen. Schliesslich habe ich den prim?ren Nutzen der Klimapolitik noch gar nicht angesprochen: Ein begrenzter Klimawandel vermeidet übergrosse Sch?den an unserem Planeten – das gemeinsame Ziel der internationalen Staatengemeinschaft.

Glaskugel
Kosten und Nutzen von Umweltschutz gilt es richtig einzusch?tzen. (Bild: iStock / dem10)

Kosten umfassend betrachten, aber richtig

Eine gesamtwirtschaftliche Kostenbewertung der Klimapolitik muss viele Effekte einbeziehen, was eine korrekte technische Analyse ohne Zweifel erschwert. Dies mag der Grund dafür sein, dass simple Formeln, mit denen sich die Effekte scheinbar absch?tzen lassen, grossen Anklang gefunden haben. Prominent sind die sogenannten ?IPAT? und ?Kaya? Identit?ten – zwei einfache Gleichungen, welche die Umweltauswirkungen einer Volkswirtschaft in multiplikative Komponenten zerlegen: Bev?lkerung, Einkommen, Technologie und Verschmutzungsintensit?t der Energie.2, 3 Nach dieser Logik sind die vier Faktoren die wesentlichen Treiber der Treibhausgasemissionen.

Basierend auf den Identit?ten wird argumentiert, dass bei gegebenen Werten für technischen Fortschritt, Verschmutzungsintensit?t und Bev?lkerungswachstum die Gesamtemissionen proportional zum Einkommensverlauf verlaufen. Mit anderen Worten: Sollen die Emissionen drastisch sinken, muss das Einkommenswachstum signifikant reduziert und sogar negativ werden. Welch gigantische Kosten der Klimapolitik!

?Das Kostenargument ignoriert die vielseitigen wirtschaftlichen Nutzen klimapolitischer Massnahmen und baut oft auf
irreführenden Annahmen auf, die fundamentale ?konomische
Zusammenh?nge verkennen.?

Lucas Bretschger

Weshalb führen uns solche Aussagen in die Irre? Das Problem ist, dass die verwendeten Identit?ten wichtige kausale Zusammenh?nge ignorieren sowie willkürlich gewisse Kr?fte hervorheben und andere vollst?ndig ausblenden. Der Ansatz widerspricht den First Principles der ?konomie, insbesondere der Ressourcen?konomie sowie den Beitr?gen von Paul Romer, Michael Kremer, und William Nordhaus, die alle den Alfred-Nobel-Ged?chtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten haben.

Realistischere Kosten

Meine Studie zeigt auf, dass nur schon ein einzelner zus?tzlicher Faktor in den einfachen Identit?ten – die sogenannte Input-Substitution – die Aussage vollst?ndig auf den Kopf stellt: Klimapolitik w?re dann im Prinzip gratis zu haben.

Da aber auch diese Erweiterung das Problem missachteter ?konomischer Zusammenh?nge nicht l?st, habe ich die Identit?ten durch einen theoretisch konsistenten Ansatz ersetzt, der sich auf grundlegende Einsichten aus der Produktions- und Innovationstheorie abstützt und die fehlenden kausalen Beziehungen einführt.4 Daraus leite ich eine alternative Formel ab, die immer noch einfach, aber theoretisch und empirisch fundiert ist.

Einkommen entwickeln sich weiterhin positiv

Als Resultat ergibt sich, dass eine stringente Klimapolitik das Wirtschaftswachstum und die Einkommensentwicklung nur moderat verlangsamt, aber nicht in den negativen Bereich zieht. Ein verringertes Einkommen ist also nicht notwendig, um die Klimaziele zu erreichen. Vor allem für Schwellenl?nder und weniger entwickelte L?nder sind das gute Nachrichten, denn sie sind auf einen steigenden Lebensstandard angewiesen. Und auch reicheren L?ndern ist es bekanntlich ein Anliegen, für Klimaschutz nicht allzu viel bezahlen zu müssen.

Referenzen

1 Bretschger, L. (2021): Getting the Costs of Environmental Protection Right: Why Climate Policy is Inexpensive in the End, Ecological Economics, 188, 107116, doi: 10.1016/j.ecolecon.2021.107116

2 Ehrlich, P.R. and J.P. Holdren (1971): Impact of Population Growth. Science 171 (3977): 1212--1217, doi: 10.1126/science.171.3977.12.12

3 Kaya, Y. and K. Yokoburi (1997): Environment, energy, and economy : strategies for sustainability. Tokyo [u.a.]: United Nations Univ. Press. ISBN: 9280809113.

4 Bretschger, L. (2020): Malthus in the Light of Climate Change, European Economic Review 127, 103477, doi: 10.1016/j.eurocorev.2020.103477

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