Corona hilft dem Klima nicht

Der CO2-mindernde Effekt der Pandemie ist verpufft, wie das Global Carbon Project im jüngsten Bericht zu fossilen Treibhausgasen best?tigt. Dennoch gibt es Lichtblicke. Nicolas Gruber ordnet ein.

Nicolas Gruber

Das Global Carbon Project ist ein weltweites Team von Forschenden, die jedes Jahr die Menge an CO2 dokumentieren, die in die Atmosph?re gelangen, und wie viel davon natürliche Senken wie Landvegetation und Ozeane wieder binden. Für 2020 registrierte das Konsortium die gr?sste je beobachtete Reduktion der fossilen CO2-Emissionen. Im Zuge der Massnahmen gegen das Coronavirus sank der weltweite CO2-Ausstoss gegenüber dem Vorjahr um 5,4 Prozent – das ist rund viermal mehr als der Einbruch durch die globale Finanzkrise im Jahr 2009. 1

Meine Forschungsgruppe arbeitet seit mehreren Jahren am Global Carbon Project mit. Dieses Jahr war ich besonders gespannt, wie sich das Emissionsgeschehen der Welt entwickeln wird. Nutzten die L?nder die milliardenschweren Finanzspritzen, um die Wirtschaft nicht nur aus der Corona-Krise zu heben, sondern auch für eine klimaneutrale Zukunft zu rüsten?

In einem soeben ver?ffentlichten Bericht pr?sentiert das Global Carbon Project die ersten Hochrechnungen fürs Jahr 2021. Leider fallen sie ernüchternd aus: Nach dem Corona-bedingten Rückgang 2020 werden die weltweiten Emissionen dieses Jahr wohl fast wieder auf das Rekordniveau von 2019 hochschnellen.2, 3 Allerdings lohnt sich ein detaillierter Blick auf die Triebkr?fte und Trends bei den grossen Emittenten: Hinter dem globalen Rückgang und Rebound der CO2-Emissionen verstecken sich relevante regionale und sektorale Unterschiede.

CO2 emissions
Nach dem Corona-bedingten Rückgang sieht das Global Carbon Project die CO2-Emissionen wieder ann?hernd auf dem Niveau vor der Pandemie. (Bild: Vital / Adobe Stock)

Vor-Corona-Trends setzen sich fort

Die vorl?ufigen Resultate zeigen, dass die grossen Emittenten 2021 an ihre jeweiligen Trends von vor Corona anknüpfen: In den USA und der EU sinken die CO2-Emissionen tendenziell; bei ihnen f?llt der Anstieg 2021 geringer aus als der Rückgang 2020. Vor allem in China und Indien nehmen die Emissionen hingegen zu und liegen 2021 über dem vorpandemischen Niveau von 2019.

Analysen von Carbon Monitor, einer Plattform, die Emissionen praktisch in Echtzeit absch?tzt, zeigen weiter, dass der Anstieg der globalen Emissionen 2021 vor allem durch die Energieproduktion und die Industrie angefeuert wird – dies bei erh?htem Einsatz von Kohle, deren Gebrauch um fast sechs Prozent anstieg.4 Lieferengp?sse beim Erdgas haben sicherlich einen Teil zur erneuten Renaissance dieses besonders klimasch?dlichen Energietr?gers beigetragen.

Treiber des Rückgangs analysiert

W?hrend es noch zu früh ist für eine differenzierte Betrachtung der Emissionstreiber fürs laufende Jahr, hat das Global Carbon Project dies für 2020 nun gemacht. Im Pandemiejahr sackten die fossilen Emissionen in den USA und der EU um mehr als zehn Prozent und in Indien um mehr als 7 Prozent ab. In China reduzierte sich das Wachstum, aber die Emission wuchsen immer noch um 1,4 Prozent. 

?Ein Lichtblick ist, dass auch im Pandemiejahr 2020 der Trend in Richtung verbesserter Energieeffizienz und verminderter CO2-Intensit?t der Energieproduktion angehalten hat.?
Nicolas Gruber

Die Hauptursache für den einbrechenden CO2-Ausstoss war die rückl?ufige Wirtschaftsleistung aufgrund der weltweit verordneten Massnahmen wie Lockdowns zur Eind?mmung des Virus. Das ist wenig überraschend, denn das Wachstum der Wirtschaftsleistung ist global schon seit mehr als 30 Jahren der st?rkste Treiber für Ver?nderungen der fossilen CO2-Emissionen. Ein Lichtblick ist hingegen, dass auch im Pandemiejahr 2020 der Trend zu verbesserter Energieeffizienz und verminderter CO2-Intensit?t der Energieproduktion angehalten hat. Das heisst, dass weniger CO2 ausgestossen wird, um die gleiche Wirtschaftsleistung zu erreichen.

Damit best?tigt sich eine Entwicklung, die seit mehr als zehn Jahren anh?lt. Dank h?herer Energieeffizienz und verminderter CO2-Intensit?t entkoppeln sich Wirtschaftsleistung und Emissionen zusehends. Das ist sehr ermutigend, denn diese Entkopplung bildet das Rückgrat für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Besonders hervorzuheben ist, dass es bereits 27 L?nder gibt, in denen die fossilen CO2-Emissionen über die letzte Dekade bei wachsender Wirtschaft sogar gesunken sind. Darunter ist auch die Schweiz, wobei man hier bemerken muss, dass das nur für die sogenannten territorialen Emissionen gilt. Wenn man den Import von ?grauem? CO2 berücksichtigt, verliert die Schweiz ihre Vorreiterrolle.

Keine Hilfe fürs Klima

Wie beeinflusst die vorübergehende Delle in den Emissionen das globale Kohlenstoffbudget und das Klima? Die kurze Antwort lautet: praktisch gar nicht.

Das hat vor allem damit zu tun, dass für den Klimawandel die gesamte Menge an CO2 in der Atmosph?re relevant ist. Die kumulativen Emissionen sind viel wichtiger als die ver?nderten Emissionen eines einzelnen Jahres. Und bei der Anreicherung von CO2 in der Atmosph?re legten wir auch im Jahre 2020 ein sch?nes Scheibchen drauf – trotz Corona-bedingtem Rückgang. Die CO2-Konzentration stieg um saftige 2,4 ppm (parts per million; Teile pro Million) auf das neue Rekordhoch von 412 ppm, was einem Anstieg von mehr als 18 Milliarden Tonnen CO2 entspricht. Das ist viel, aber nur rund die H?lfte der gesamten menschgemachten Emissionen von rund 37 Milliarden Tonnen CO2 im Jahr 2020. Die andere H?lfte wurde durch Senken auf dem Land und im Ozean wieder aus der Atmosph?re entfernt.

Noch funktionieren die Senken erstaunlich gut

Diese starke Senkenleistung ist ein weiterer Lichtblick für mich. Seit mehr als 60 Jahren nehmen das Land und die Ozeane fast konstant etwa die H?lfte der gesamten menschgemachten Emissionen auf, obwohl sich diese mehr als verdreifacht haben. Das bedeutet, dass auch die Senken mittlerweile mehr als dreimal so viel CO2 absorbieren. Das ist mehr als erstaunlich, wenn man bedenkt, wie komplex und potenziell st?ranf?llig die unterliegenden Prozesse gerade gegenüber dem Klimawandel sind. Diese Gefahr wird vom jüngsten Weltklimabericht best?tigt. Wir müssen davon ausgehen, dass die Senkenleistung in Zukunft mit dem Klimawandel generell abnehmen wird.5 Glücklicherweise sehen wir das noch nicht in den Absch?tzungen der Senken, zu denen meine Gruppe mit Modellrechnungen und Datenanalysen beigetragen hat.

Das Restbudget schrumpft schnell

Auch wenn das Pandemiejahr 2020 mit mehr als fünf Prozent den bisher gr?ssten Einbruch der Emissionen in den letzten 60 Jahren brachte – in Relation zur Reduktion, welche die Pariser Klimaziele erfordern, ist der Rückgang nicht besonders eindrücklich. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssten wir die Emissionen fortan jedes Jahr um mindestens fünf Prozent reduzieren.

Derweil schrumpfen die Kohlenstoffbudgets für die Pariser Klimaziele rapide. Ab 2022 betr?gt die Restmenge an erlaubten Emissionen, um das 1,5-Grad-Ziel mit 67 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erreichen, noch rund 325 Milliarden Tonnen CO2. Für das Zwei-Grad-Ziel bel?uft sich das Budget auf rund 1075 Milliarden Tonnen. Bei gleichbleibenden Emissionen verblieben somit noch weniger als 10 Jahre für ein 1,5 Grad w?rmere, und weniger als 30 Jahre für eine maximal zwei Grad w?rmere Welt.6

In Anbetracht der langen Erneuerungszyklen von Energiesystemen gehe ich mittlerweile davon aus, dass das Fenster für das 1,5-Grad-Ziel nun geschlossen ist. Nichtsdestotrotz sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, die Erw?rmung so klein wie m?glich zu halten, denn jedes zus?tzliche Zehntelgrad sch?digt uns und unsere Umwelt mehr.   

Die Richtung stimmt

Gewiss, die wieder ansteigenden Emissionen im Jahr 2021 bereiten Sorgen, denn wir haben eine echte Chance verpasst, durch die Corona-Hilfsgelder den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu beschleunigen. Dennoch bin ich optimistisch. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist im Gange. Die erneuerbaren Energien haben eine steile Wachstumskurve. Ihre Kosten sind stark gesunken und sind in vielen Bereichen kompetitiv gegenüber fossilen Energietr?gern. Sehr viele L?nder haben sich seit Paris l?ngerfristige Klimaziele gesetzt.

Das sind grosse Schritte, deren Tragweite man nicht untersch?tzen sollte. Klar, wir sind viel zu langsam unterwegs; klar, wir müssen die Dekarbonisierung über alle L?nder und Sektoren hinweg massiv beschleunigen. Aber die Richtung stimmt. Das macht mich zuversichtlich, dass wir die Pariser Klimaziele doch noch erreichen k?nnen.

Referenzen

1 Global Carbon Project

2 Bericht Global Carbon Budget: Friedlingstein et al. Global Carbon Budget 2021. Earth System Science Data, doi: 10.5194/essd-2021-386

3 Siehe auch die Medienmitteilung des Alfred-Wegener-Instituts im Namen des Global Carbon Projects

4 Carbon Monitor

5 Der sechste IPCC-Sachstandsbericht (AR6): Physikalische Grundlagen

6 Carbon Clock

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